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Seiltanz im Stadtraum: Ein Drahtseilakt

Die Überquerung der Spree ist am 19. bzw. 20. Oktober 2019 anlässlich des 30-jährigen Mauerfalljubiläums geplant.

Vom 23.04.2019 bis zum 28.04.2019 findet der nächste Workshop auf dem Tempelhofer Feld bei CABUWAZI-Tempelhof statt. Interessierte Menschen sind herzlich eingeladen, den Trainer*innen beim Üben zuzuschauen.

Der Drahtseilakt ist seit Generationen dramaturgischer wie emotionaler Höhepunkt einer jeden Zirkusvorstellung. Im 20. Jahrhundert wurde der Seiltanz mit Balancestange in schwindelerregender Höhe durch verschiedene Artist*innen in den urbanen Raum getragen: Der Hochseilakt zwischen den Zwillingstürmen des World Trade Centers durch Philippe Petit 1974 als vielleicht berühmtestes Beispiel.

Seit 2016 hat sich eine wachsende, europaweite Kooperation von zirkuspädagogischen Einrichtungen dem Ziel verschrieben die Disziplin des Seiltanzes auf dem Hochseil einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Der Kinder- und Jugendzirkus CABUWAZI-Altglienicke in Trägerschaft der GrenzKultur gGmbH ist von Beginn an aktiver Teil dieser Kooperation. Mit dem aktuellen Projekt „Wires Crossed – Balancing Your Fear“, kofinanziert durch das Erasmus+ Programm der Europäischen Union, hat sich CABUWAZI gemeinsam mit seinen Projektpartner*innen Galway Community Circus (Irland), École de Cirque de Bruxelles (Belgien), CIRCUS CIRKÖR (Schweden) und Cirqueon (Tschechien) zum Ziel gesetzt pädagogische Ansätze zu eruieren, um insbesondere benachteiligte und geflüchtete Kinder und Jugendliche hierüber zu stärken. Im Rahmen des Projektes werden junge Zirkustrainer*innen von professionellen Hochseilartist*innen, Zirkuspädagog*innen und Sicherheitsexpert*innen ausgebildet und durch Expert*innen zu den Themen Flucht und Trauma sensibilisiert.

Der Seiltanz auf dem Hochseil wird zunächst als eine sehr respekteinflößende Disziplin wahrgenommen, erfordert aber tatsächlich keinerlei besondere körperliche Voraussetzungen und ist, durch den Einsatz der Balancestange, sehr einfach zu erlernen. Umso stärker sind die Gefühle der Selbstermächtigung, wenn der Seiltanz vollbracht wurde.

Außerdem kann ein Hochseilakt, künstlerisch in Szene gesetzt, dem öffentlichen Raum Attraktion und Perspektive verleihen, den Passanten in Staunen versetzten und zum Verweilen einladen. Zum 30 jährigen Jubiläum des Mauerfalls ist eine Spreeüberquerung geplant. In einem symbolischen Akt soll die Spree als Zeichen des Zusammenwachsens überquert werden.

Zwar ist die Mauer vor 30 Jahren gefallen, aber nach wie vor herrschen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland: Unterschiedliche Wertschätzung der Vielfalt, Gefühle der Benachteiligung. Die Wiedervereinigung und den Prozess des Zusammenwachsens sehen wir wie einen Drahtseilakt. Es erfordert Selbstvertrauen, absolute Konzentration und Menschen, die die gleiche Leidenschaft in sich tragen, sich begegnen und sich gegenseitig stärken und voneinander lernen wollen.

Die Überquerung der Spree zum 30. Jahrestag des Mauerfalls stellt für uns symbolisch dieses Zusammenwachsen dar.

Text: Samuel Raub und Sükran Topuz | Foto: Kirsten Burger