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Rückblick: Informationsveranstaltung ALEGRIA

„Alle sagen, das geht niemals – und du hast es wieder geschafft!“

(Alexander Freier-Winterwerb, Stadtrat für Jugend und Familie über Britta Niehaus (Institutsleitung))

Mit einem strahlenden Lachen begrüßte Britta Niehaus letzten Freitag ihre zahlreichen Gäste im CABUWAZI Treptow Zelt. Dafür gab es allen Grund: Zur Informationsveranstaltung des Instituts für Zirkustherapie oder auch ALEGRIA konnte die Arbeit des Teams vorgestellt und offiziell eröffnet werden. Umso schöner war es, dass viele der wichtigen Wegbereiter:innen an der Veranstaltung teilnahmen.

Ohne die Unterstützer:innen der ersten Stunde würde es heute kein Institut geben, das machten Anne Kirschneck (Geschäftsführung GrenzKultur gGmbH / CABUWAZI) und Britta Niehaus (Institutsleitung) gleich zur Begrüßung deutlich! Ein besonderer Dank gilt daher unter anderem Raed Saleh (Vorsitzender der SPD, Mitglied im Abgeordnetenhaus), Alexander Freier-Winterwerb (Stadtrat für Jugend und Gesundheit), Robert Schaddach (Mitglied im Abgeordnetenhaus), Elke Breitenbach (ehemalige Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales), Karl Köckenberger (ehemalige Geschäftsführung und Mitgründer von CABUWAZI), Bezirksbürgermeister Oliver Igel und dem Jugendamt Treptow-Köpenick.

Seit Anfang an dabei, das ist vor allem auch Alexander Freier-Winterwerb. Der Stadtrat für Jugend und Gesundheit steht dem ALEGRIA-Team tatkräftig zur Seite und eröffnete die Veranstaltung mit einer Anekdote: Vor einiger Zeit sei er auf dem Platz gewesen, viele Kinder sprangen herum – er hätte nicht gewusst, was gerade passieren würde und Britta hätte ihm deshalb einen kleinen Einblick in das Seelenleben der Kinder und der Idee des Instituts gegeben. Dann sei es losgegangen, das Antragschreiben mit Robert Schaddach, das Klinkenputzen mit Catrin Wahlen, Elke Breitenbach und Raed Saleh. Alle wollten das wichtige Projekt unterstützen.

Zwei Jahre Pandemie – Corona und seine Auswirkungen

Seit Corona, so macht Alexander Freier-Winterwerb in seiner Eröffnungsrede weiter deutlich, geht es vielen Kindern und Jugendlichen mit und ohne psychische Vorerkrankung noch schlechter. Aktuelle Zahlen und Statistiken geben ihm recht. Laut der COPSY-Studie erleben rund 80% der Kinder und Jugendliche Corona als eine Belastung. Jedes dritte Kind leidet inzwischen an einer psychischen Krankheit. Damit hat sich die Zahl von psychischen Störungen bei Kindern, die vor der Pandemie noch bei 18% bis 20% lag, nachweislich erhöht. Gleichzeitig gibt es lange Wartezeiten für Therapieplätze. Hier liegt ein entscheidender Vorteil des Instituts, so Britta Niehaus: Durch die Förderung der LOTTO-Stiftung können im Moment alle Kinder und Jugendliche ab sechs Jahre (mit und ohne Diagnose) schnelle Hilfe kostenfrei in Anspruch nehmen. Seit Beginn der Projektlaufzeit im April sind bereits 42 Kinder zum ALEGRIA gestoßen, mehrere Kinder stehen auf der Warteliste. Die Hoffnung sei, dass bald noch viel mehr Kinder kommen können – das ist auch vom Bau der Leichtbauhalle abhängig. Hier seien noch ein paar Hindernisse zu überwinden. Auch der Stadtrat appelliert an das Publikum: Zusammen kann der Bau sowie die Verstetigung des Projekts realisiert werden.

ALEGRIA – die Mischung machts!

Britta Niehaus, Tabea Heimbürger und Maria Matthies gaben in ihrer Präsentation einen Einblick in die Arbeit des Instituts und stellten das Alleinstellungsmerkmal der Zirkustherapie in den Mittelpunkt: Sie verbindet Psychotherapie und Zirkuspädagogik zum Motivationsaufbau von Kindern und Jugendlichen. Dabei wird interdisziplinär zusammengearbeitet: Britta Niehaus ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin VT mit Approbation, Maria Matthies Psychologin und angehende Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, Lennard Dzudzek ist Artist und Zirkuspädagoge und Tabea Heimbürger Sozialarbeiterin und Zirkuspädagogin. Zusammen können sie bei Einzeltherapien und Gruppentherapien optimal auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen, flexibel verschiedene Methoden einsetzen und die Eltern von betroffenen Kindern begleiten.

Dass ihre besondere Arbeit bereits Früchte trägt, davon konnten sich die Besucher:innen gleich selbst überzeugen. Die ALEGRIA-Kinder standen zum ersten Mal auf der Bühne vor Publikum und zeigten eine Darbietung zum Thema „Überwindung der Angst“. Voller Stolz und Freude sprangen sie ihren Eltern danach in die Arme!

Dr. Jakob Florack, Oberarzt der kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung des Vivantes Klinikums im Friedrichshain, erklärte anschließend in seinem Kurzvortrag, welch großartige Leistung das sei. Er selbst habe nämlich im Sommer bei einer Projektwoche des Vivantes mit ALEGRIA einmal versucht, den Hula-Hoop um die Hüfte kreisen zu lassen. Dass es nicht geklappt hat, sei beschämend gewesen, er sei aber ein gesunder erwachsener Mann. Was es nun für psychisch erkrankte Kinder mit ADHS, einem geringen Selbstwertgefühl oder Ängstlichkeit heißt, trotzdem weiterzumachen und sich auf die Bühne zu stellen, sei „krass“. „Krass“ seien auch die Kompetenzen des Teams, diese Herausforderungen gemeinsam mit den Kindern zu meistern.

Neben einer wunderschönen Luftnummer der Europäischen Freiwilligen von CABUWAZI zeigt auch Roman Škadra mit der Kugel künstlerisch, wie schwer es sein kann, den Fokus nicht zu verlieren und den roten Faden zu finden im Leben, wenn 1.000 Dinge auf einen einprasseln.

Britta und ihr Team sind genau das –  der rote Faden, wenn Kinder, Jugendliche und betroffene Eltern wie Erziehungsberechtigte ihn einmal verlieren und Halt brauchen beim Balancieren durchs Leben. Umso mehr sei es jetzt wichtig, eine Verstetigung zu realisieren, damit allen Kinder und Jugendlichen auch in Zukunft schnell und niedrigschwellig geholfen werden kann.

Ein großer Dank gilt auch unseren Kooperationspartner:innen, allen voran der LOTTO-Stiftung.

Du möchtest mehr über das Konzept erfahren? Dann besuche die Website der Zirkutherapie und nimm Kontakt auf.


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Informationsveranstaltung im ALEGRIA – Institut für Zirkustherapie

Zum Abschluss der Aktionswoche für seelische Gesundheit laden wir um 21. Oktober um 16 Uhr ins CABUWAZI Zirkuszelt ein und informieren über unseren einzigartigen Ansatz in der therapeutischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.

Programm

– Eröffnung durch den Bezirksstadtrat, Abteilung Jugend und Gesundheit, Herrn Alexander Freier-Winterwerb
– Vorstellung des Instituts ALEGRIA
– Impulsreferat „Bewegung und Psyche“ von Dr. J. Florack
– Kinder spannen ihre kreativen Schirme auf: Zirkusdarbietung von Kindern und Jugendlichen aus ALEGRIA und CABUWAZI
– Fingerfood und Getränke
– Workshops: Jonglage und Drahtseil zum Mitmachen

ALEGRIA – Institut für Zirkustherapie bietet niedrigschwellige Zugänge zu Gruppen- und Einzeltherapien für Kinder und Jugendliche mit seelischen Erkrankungen sowie für ihre Familien.

Im Moment können Kinder und Jugendliche an zwei Gruppentherapien von Montag bis Freitag  (15.00-16.30 und  17.00-18.30) teilnehmen. Außerdem gibt es die Möglichkeit Beratungsgespräche und Einzeltermine wahrzunehmen. Darüber hinaus bieten wir Informationsveranstaltungen zu psychischen Störungen.

Wir sind: ein interdisziplinäres Team aus erfahrenen Zirkuspädagog:innen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen (VT). Jede Gruppe wird von der Doppelsteckung Therapeut:in und Zirkuspädagog:in angeleitet. So können wir mit hoher Fachlichkeit aus beiden Bereichen psychischen Störungen im Kinder- und Jugendbereich kreativ, flexibel und angemessen begegnen und Krisen sowie Problemverhalten auffangen.

Wir machen: Zirkustherapeutische Gruppentherapie in geschützten, kleinen Gruppen (ca. 5 Kinder oder Jugendliche).
Die Gruppentherapie beinhaltet zirkuspädagogische Übungen und therapeutische Interventionen. Klassische Zirkusdisziplinen wie z.B. Jonglage, Trapez, Kugel- oder Stelzenlaufen, Hula-Hoop, Pois, Tanz- oder Balancetechniken können gelernt werden. Gleichzeitig werden  u.a. soziale Kompetenzen und emotionale Fertigkeiten eingeübt sowie Konzentration, Selbstwertaufbau und Impulskontrolle gestärkt. Durch die Ergänzung klassischer therapeutischer Methoden wie Skill-Vermittlung  (Strategien zu Emotionsregulation), Selbstinstruktions- und Achtsamkeitstraining,  euthymen Verfahren, Rollenspiele, Realitätscheck und Aufbau positiver Verhaltensalternativen u.v.m. lernen die Teilnehmenden die Nutzung ihrer Ressourcen.

Zusätzlich bieten wir je nach Bedarf und bei Krisen Einzelsitzungen und Bezugspersonenstunden, in denen individuell auf häusliche oder schulische Probleme eingegangen werden kann (z.B. Konflikte zu Hause, selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität, Konzentrations- oder Regulationsschwierigkeiten, u.v.m.).

Zu uns kommen können: alle Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 21 Jahre, die Schwierigkeiten im emotionalen, sozialen Bereich und Verhaltensauffälligkeiten aufzeigen (mit und ohne Diagnose, mit und ohne Bewegungserfahrung, mit und ohne Mediaktion).

Wir freuen uns auf Ihr und Euer Kommen!
Britta Niehaus und Team des Instituts für Zirkustherapie

Mehr Informationen zum Angebot von ALEGRIA hier.

 

Vielen  Dank an


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„Selbstregulierung ist das Zauberwort!“ Britta Niehaus im Interview

Britta Niehaus hat nicht nur viele Jahre den CABUWAZI Standort in Treptow geleitet, sondern ist auch angehende Kinder- und Jugendtherapeutin, Visionärin und Gründerin des ersten Institutes für Zirkustherapie.

Britta kommt aus der Kultur – Konzerte, Theater und Malerei waren ihre Schwerpunkte. Die Kreativität, so scheint es, begleitete sie durch ihr Studium der Sozialpädagogik bis hin zu CABUWAZI und ihrer Ausbildung zur Kinder- und Jugendtherapeutin. Dank einer großen Förderung, dem besonderen Einsatz aus der Berliner Politik, von CABUWAZI und von Mitstreiter*innen wird Britta das Institut in den nächsten drei Jahren aufbauen können. Wir haben mit ihr über das einmalige Konzept der Zirkustherapie, Stelzen im Vivantes Klinikum und ihren Traum – ein Institut für Zirkustherapie – gesprochen.

Was ist die Zirkustherapie?

Mit dem zirkustherapeutischen Ansatz „Gestaltenwandel“ haben wir bei CABUWAZI Treptow ein Konzept entwickelt, in welchem wir mit psychisch kranken Kindern Zirkus machen – dabei arbeiten wir mit Therapeut*innen, Ärzt*innen und Partner*innen wie dem Vivantes Klinikum zusammen.

Was ist das Besondere?

Die Zirkustherapie in dieser Form gibt es so noch gar nicht! Deutschlandweit hat CABUWAZI Treptow mit dem Ansatz „Gestaltenwandel“ das erste Konzept entwickelt, um mit psychisch kranken Kindern im Zirkus zu arbeiten. Ich habe im Internet recherchiert und geguckt, was es deutschlandweit gibt. Es gibt schon den Chefarzt, der auch Jongleur ist und in der Münchner Klinik mit autistischen Kindern und Jugendlichen jongliert. Oder die wunderbare Frau Dr. med. Astrid Novosel-Datzer von der Zingst-Klinik, sie arbeitet auch mit Zirkusmethoden. Aber eben ein Institut, wo psychisch erkrankte Kinder umfassend mit Zirkustherapie unterstützt werden, das gibt es noch nicht.

Wie wird das Konzept der Zirkustherapie im Moment bei CABUWAZI angewandt?

Angefangen haben wir damit, dass wir im Sommer zwei Wochen Zirkusferien mit psychisch kranken Kindern der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Vivantes Klinikums gemacht haben. Es kamen dann immer zwischen 15 und 18 Kinder zu uns und wir haben das Konzept der Ferienprojektwoche einmal auf den Kopf gestellt: An den Bedarfen dieser Kinder orientiert haben wir unser Konzept entwickelt. Das ist jedes Mal evaluiert und ausgewertet worden. Wir haben die Kinder mithilfe von Fragebögen vor und nach den Ferien gefragt, was sich für sie verändert hat und welche Methoden wirksam waren. Wir haben nachgefragt und geschaut: Was hat gut funktioniert, was hat nicht gut funktioniert? Mithilfe der Evaluation wurde das Konzept immer wieder neu angepasst – bis wir jetzt nach sechs Jahren sagen: Wir haben ein solides Konzept, das wir anwenden können, wenn wir mit Kindern arbeiten, die aus der Psychiatrie kommen.

Wie bist du vom Zirkus zur Therapie gekommen?

Immer wenn ich mit Kindern und Jugendlichen bei CABUWAZI gearbeitet habe, hatte ich ein großes Interesse an den verhaltensauffälligen Kindern und daran, mit ihnen zu arbeiten. Ich habe irgendwann darüber nachgedacht, was die Kinder mit erhöhtem Bedarf an Unterstützung eigentlich brauchen würden, was wir mit unseren Angeboten noch nicht anbieten können. Deshalb habe ich erst mal eine Ausbildung als insofern erfahrene Fachkraft für Kinderschutz gemacht und mich auch noch mal intensiv mit Kindeswohlgefährdung und Familienstrukturen beschäftigt. Schließlich habe ich beschlossen, eine Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin zu machen und habe dann im Vivantes Klinikum mein praktisches Jahr gemacht.

Wie hast du Zirkus in dein praktisches Jahr einfließen lassen?

Ich habe zum Beispiel mit Kindern mit posttraumatischer Belastungsstörung angefangen, Stelzen zu laufen. Für die Klinik war das eine riesen Aufregung: Was laufen jetzt hier die Stelzenkinder rum. Das waren sie überhaupt nicht gewohnt – ich habe mich da aber durchgesetzt. Es gab zum Beispiel einen Jungen, der musste regelmäßig Medikamente nehmen, wenn er einen Flashback hatte und dadurch einen Wutanfall bekam. Irgendwann konnte der Junge sich besser selber regulieren – auch aufgrund der Erfahrungen beim Stelzenlaufen! Wenn er gemerkt hat, er wird getriggert und er wird auffällig, hat er geschrien „Stelzenlaufen mit Frau Niehaus“. Wir haben ihm dann die Stelzen angeschnallt und er konnte sich selbst regulieren lernen durch die Bewegung. Die Bewegung verknüpft die linke Gehirnhälfte mit der rechten. Wir wissen aus wissenschaftlichen Studien, dass diese Art der Bewegung Kinder sehr gut unterstützt, die traumatisiert sind oder eine Störung haben.

Warum werden Angebote gerade jetzt so dringend benötigt?

Wir sind super glücklich und total froh, dass die Lottomittelstiftung unser neues Projekt innerhalb der Zirkustherapie für drei Jahre unterstützen möchte. Denn gerade jetzt in der Pandemie steigen die Folgeschäden von Kindern und Jugendlichen, viele Eltern sind verzweifelt und sagen, wir wissen nicht was wir mit unserem Kind machen sollen und die Kinder mit ihren Ängsten und Unsicherheiten haben wenig  Möglichkeiten, diese zu kompensieren. Man kann sich die Unsicherheit ja vorstellen, denn das, was vorher sicher war – zum Beispiel zur Schule zu gehen – bricht alles auf. Plötzlich passieren Veränderungsprozesse, die das Kind überhaupt nicht kognitiv verarbeiten kann und viele kompensieren das, indem sie Ängste entwickeln und sich zum Beispiel nicht mehr zur Schule trauen, depressiv werden oder Essstörungen bekommen, weil sie den Kontrollverlust entgegenwirken wollen. Aber eben über eine dysfunktionale Form.

Schlägt sich die Pandemie denn auch in messbaren Fallzahlen nieder?

Wir wissen tatsächlich, dass die psychischen Erkrankungen von Kindern gestiegen sind, im Moment wird gesagt, dass jedes dritte Kind eine psychische Erkrankung erleidet.  Das wurde auch im deutschen Ärtzeblatt veröffentlicht und von anderen Studien bestätigt. Damit hat sich die Zahl von psychischen Störungen bei Kindern, die vor der Pandemie noch bei 18 bis 20% lag, nachweislich erhöht.

Wie kann man dieser negativen Entwicklung mit Zirkus entgegenwirken?

Wir wollen mit den Kindern gemeinsam Möglichkeiten erarbeiten, mit denen sie Selbstwirksamkeit erleben können und die das Selbstbewusstsein fördern. Wir vermitteln unmittelbar positive Erfahrungen, in denen sie Selbstsicherheit erleben können: Wenn ich zum Beispiel auf dem Drahtseil balanciere und mein Gleichgewicht übe, kann ich mich selbst steuern und lerne darüber, dass ich auch meine Emotionen, wie zum Beispiel Angst steuern und mir selbst positive Selbstinstruktionen geben kann: „Ich schaffe das! ich mach das jetzt – ich geh von der einen Seite zur anderen rüber und wenn ich runterfalle, steh ich auf und gehe wieder drauf“. Das sind wirksame Erfahrungen, die Kinder und Jugendliche machen und die auf jeden Fall zur Stabilisierung und Heilung beitragen. Natürlich ist auch das Zusammensein in einer sozialen Gruppe und das entdeckende Lernen miteinander ein wichtiger Teil der Zirkustherapie.

Innerhalb der Zirkustherapie hast du für das neue Modellprojekt das Konzept der achtsamen Zirkustherapie entwickelt – was ist damit gemeint?

Selbstregulierung ist dabei das Zauberwort! Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, dass wir den Kindern Methoden und Möglichkeiten in Form von positiven Helfersätzen und Emotionsregulierungen an die Hand geben: Wie kannst du dich selbst beruhigen, wie kannst du deine Ängste bearbeiten, wie kannst du dir das Gefühl geben, dass alles gut wird – das nennen wir achtsame Zirkustherapie. Dafür wurden verschiedene Übungen entwickelt, wo Kinder lernen, auf ihre Gefühle zu achten, achtsam ihre Gefühle wahrzunehmen und auch achtsam in sich hineinzugucken, um ihren inneren Fokus, ihren Scheinwerfer auf positive Ereignisse im Leben zu richten. In erster Linie geht es um Aktivierung, Selbstwirksamkeitsförderung  und Körperwahrnehmung. Es sind aber auch verschiedene Entspannungsübungen mit dabei oder mal eine Traumreise.

Du möchtest ein Zirkusinstitut ins Leben rufen – was ist damit gemeint?

Ich stelle mir vor, dass wir als Institut für Zirkustherapie eine Netzwerkanlaufstelle werden für ganz Deutschland. Wir haben so viele tolle und interessante Menschen kennengelernt, die auch in diesem Bereich Neues probieren. Wir möchten als Institut regelmäßig Symposien und Fortbildungen organisieren, wo diese Menschen zusammenkommen und sich über ihre Erfahrungen und Methoden austauschen können. Es gibt so viele Menschen, die eben auch finden, dass neue Ansätze in der Therapie mit Kindern und Jugendlichen wichtig und nötig sind. Hier gehen wir gemeinsam neue Wege und gemeinsam haben wir dann die Möglichkeit, noch bedarfsgerechter an Kinder und Jugendliche heranzutreten.

Warum passen Zirkus und Therapie so gut zusammen?

Zirkus ist auf jeden Fall ein Ort, der Kinder und Jugendliche interessiert, ihre Neugierde weckt, wo sie kreativ sein können. Zirkus, das bedeutet Drahtseillaufen, Trapez, Akrobatik, aber auch künstlerisches Wahrnehmen, in Rollen schlüpfen, jemand anderes sein können! Wir haben damals diesen Ansatz „Gestaltenwandel“ entwickelt – da geht es darum, dass Kinder erst mal eine Art „Helfer*infigur“ imaginieren. Das heißt: Sie werden dazu aufgefordert, mithilfe ihrer Fantasie eine Figur zu entwickeln, die ihnen in bestimmten Situationen wie zum Beispiel bei Mobbing auf dem Schulhof helfen kann. Diese Helfer*infigur malen sie beispielsweise auf. Ich leite sie als Therapeutin mit unterschiedlichen Methoden an, um zu dieser Helfer*infigur zu kommen. Dann wird diese Figur im Zirkuszelt von den Zirkuspädagog*innen in eine neue Dimension gebracht – nämlich selbst in diese Figur zu gehen: Wie Läuft sie, was hat sie für einen Gang, was hat sie für Fähigkeiten und Kompetenzen: Kann sie fliegen? Dann kann das Kind am Trapez fliegen lernen, wenn sie vielleicht einen ganz akrobatisch schleichenden Gang hat, kann man erst mal die Balance üben und Kugellaufen oder am Drahtseil trainieren. Und am Ende verwandelt sich dieses Kind durch Bewegung Körperweit aber auch durch Unterstützung durch Kostüme in diese Helfer*infigur und merkt, dass es eben eigene Ressourcen entwickeln kann.

Wer kann sich bei euch melden?

Der Zugang zu den Angeboten soll möglichst weit gestreut sein, auf der einen Seite sollen Eltern angesprochen werden, die eben keinen Therapieplatz finden – wir bekommen jetzt schon Anfragen von Eltern, die in der Zeitung vom Projekt gelesen haben und sagen, mein Kind geht nicht mehr zur Schule, mein Kind hat totale Ängste, ich möchte, dass mein Kind zu euch kommt. Auf der anderen Seite sollen Jugendliche sich angesprochen fühlen. Außerdem sollen Netzwerkpartner*innen angesprochen werden wie der KJPD (Kinder- und Jugendpsychiatrischer Dienst) – wir werden mit dem KJPD Köpenick, Neukölln, Kreuzberg zusammenarbeiten. Die Jugendämter können so die Kinder und Jugendlichen zu uns führen. Weiterhin bleibt aber auch Vivantes ein großer Kooperationspartner.